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Mrz

Das Spiel mit Rollenklischees

Wenn Frauen Vollkontaktsport auf Rollschuhen betreiben und Männer mit Bärten Pompons schwingen

Pandy und Candy. Wargina und Bitch Buchannon. Alle vier stehen auf ein und demselben Spielfeld. Pandy und Candy in engen blitzblau glänzenden Hotpants, orangen Legwarmers, blauen Stirnbändern und Hosenträgern. Wargina und Bitch Buchannon auf Rollschuhen, mit Mundschutz und Helm. Bitch Buchannon leitet sich übrigens von der USSerie Baywatch ab, wo David Hasselhof alias Mitch Buchannon zu sehen ist. Aber zurück zum Roller Derby und den männlichen Cheerleaders: Sind es Mädchen, die ein wenig Rollschuh fahren und Männer mit Bärten, die in Villacher-Fasching-Manier für Schenkelklopfer sorgen? Nein – das ist es nicht. Und das ist gut so. Denn es geht um mehr. Um harten körperbetonen Sport, der von Frauen gespielt wird. Um Gleichberechtigung. Um Feminismus. Um das Spiel mit Rollenklischees. Die Vienna Roller Derby wurden 2011 als erstes Roller-Derby-Team Österreichs gegründet. Heute gibt es drei heimische Teams. Die Fearless Bruisers aus Innsbruck, die Steel City Rollers aus Linz und die Dust City Rollers aus Graz. Alles Frauen.

„Roller Derby ist ein Sport von Frauen für Frauen. Es gibt auch Männerteams, aber deutlich weniger und nicht in Österreich“, erklärt Wargina, die eigentlich Angela heißt und eine von rund 70 aktiven Spielerinnen der „Vienna Roller Derby“ ist. Die Pädagogin hat am Ende ihrer Studienzeit lange nach einem Teamsport für Frauen gesucht. „Ich wollte weder Volleyball spielen, noch alleine laufen oder schwimmen gehen, sondern etwas ausprobieren, bei dem ich erfahren kann, was in meinem Körper steckt. Für Jungs gibt es viele Sporvereine oder sie treffen sich im Park und spielen Fußball“, erzählt sie. Wargina spielt nun seit fünf Jahren Roller Derby. „Man wird süchtig danach. Es ist eine Kombination aus Kraftsport – man braucht viel Stärke und Ausdauer – und strategischem Wissen.“ Roller Derby hat seine Wurzeln in den USA. Es geht um Abwehr und Angriff. Als Frau werde Wargina beim Roller Derby ganz anders wahrgenommen als im Alltag. „Mir wird selten eine Stärke zugetraut. Beim Roller Derby ist das jedoch anders.“ Der Sport aber sei schon per se kein Klischeefrauensport, wie Wargina betont.

Am Spielfeld – am Track – geht es hart und schnell zu. Zwei Teams von jeweils vier Blockerinnen, die am Track stehen, versuchen die gegnerische Jammerin mit vollem Körpereinsatz aufzuhalten. Die Jammerinnen erkennt man an einem Stern. „Man darf nicht den Ellbogen, die Beine oder den Kopf verwenden. Wir blocken mit dem Oberkörper. Die Punktemacherin, die Jammerin, versucht durchzukommen. Sobald diese die gegnerische Blockerin überholt hat, erhält sie für jede einzelne überholte Blockerin einen Punkt“, erklärt Wargina die Spielregeln. Es gibt zwei Seasons – im Frühling und im Herbst – mit zehn Spielen pro Jahr. Wer kann mitmachen? „Frauen, Transfrauen und alle, die sich geschlechtlich nicht festlegen wollen“, erklärt Wargina. Körperliche Voraussetzungen gibt es keine. „Jeder Körperbau ist im Roller Derby erwünscht“. Auch Rollschuh fahren müssen Interessierte vorher nicht können. „Wir fangen beim Training ganz vorne an. Wie man bremsen kann und wie man sich fallen lässt“, so Wargina.

Männer können als Schiedsrichter mitmachen – oder eben als Fearleader, als männlicher Cheerleader der „Vienna Roller Derby“. „Wir wollten eine Möglichkeit finden, den Sport zu unterstützen. Es hat sich alles entwickelt. Zuerst war mal die Idee, Cheerleader zu sein. Das war noch ganz einfach. Dann haben wir uns gedacht, wenn wir Cheerleader sind, dann brauchen wir vernünftige Dressen. Und dann ist das Spiel mit den Rollenbildern entstanden“, erzählt Pandy. Die Fearleaders hopsen jedoch nicht nur mit Pompons in der Hand als Pausenclowns umher. „Damit spielen wir auch immer, aber ist es ein bisschen mehr als das. Nur Hopsen wäre auch langweilig“, so Pandy. Unter den Gründungsmitgliedern waren einige Sportturner, andere wiederum sind Sportlehrer oder betreiben seit ihrer Kindheit Bodenturnen. „Die sind dann für die Tricks zuständig. Ich eher fürs Hopsen.“

Die Fearleaders schaffen den Spagat, mit Rollenbildern zu spielen, humoristisch, aber nicht peinlich zu sein. „Das ist ein ziemlicher Spagat, aber manche von uns können wirklich einen Spagat, das ist das Gute“, hakt Candy ein. Pandy und Candy nehmen das Projekt und die damit transportierten Themen ernst, nur sich selbst nicht so sehr. „Ironie ist uns wichtig, aber noch wichtiger ist uns Selbstironie, die man für so ein Projekt braucht“, betont Candy. Seit 2014 veröffentlichen die Fearleaders ihren „Fearelli-Kalender“. Das diesjährige Thema ist Arbeit. „Wir haben uns die Frage gestellt, was sind so typisch männlich oder weiblich definierte Jobs? Zum Beispiel Kindergärtnerin wird von 90 Prozent Frauen ausgeübt. Wir versuchen mit Humor aufzuzeigen, dass es komisch ist, dass gewisse Berufe nur von Frauen und andere nur von Männer getätigt werden“, erklärt Pandy. Die Fearleaders sind keine wirklichen Cheerleader. „Wobei wir Cheerleading machen. Wir sind keine Akrobaten, wobei wir Akrobatik drinnen haben und wir haben einen gellschafts-politischen Anspruch. Wir ziehen uns von überall was raus. Klauen uns alles zusammen“, sagt Candy. „Bedienen uns aller Klischees, die wir finden können und hauen diese durch den Fleischwolf“, hakt Pandy ein. Es gibt noch ein zweites, rein männliches Cheerleader-Team. „Wir haben die Gründung selbst angestoßen und haben ihnen die Outfits besorgt. Das Roller-Derby-Team von Lille hat nun seit einem Jahr auch eine männliche Cheerleadergruppe, die immer noch aktiv ist. Unsere Sistercrew sozusagen“, erklärt Candy.

Die nächste Gelegenheit, die Vienna Roller Derby und die Fearleaders live zu erleben: 20. Mai oder 24. Juni.

 

STORY: ALEXANDRA LAUBNER
FOTO: IGOR RIPAK