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„Integrationspolitik ist Politik für die ganze Gesellschaft“

Jürgen Czernohorszky, Wiener Stadtrat für Bildung, Integration, Jugend und Personal im Gespräch mit Dino Schosche über Populismus, Symbolpolitik und Herausforderungen der Integrationsarbeit.

 

IW: Sie sind der neue Stadtrat für Integration.Was wird sich jetzt ändern?
CZERNOHORSZKY: In Wien wird Integration gelebt und schlägt sich in hunderten von Maßnahmen nieder – auch im Unterschied zu anderen Bundesländern. Das ist umso wichtiger, weil in der Debatte oft nur Symbole wie z.B. das Thema Burka im Vordergrund stehen. Aber die konkreten Maßnahmen damit Integration funktioniert, werden nicht besprochen. Ich möchte ein Politiker sein, der Maßnahmen setzt und nicht diese großen Symboldiskussionen führt.

IW: Meinen Sie auch, dass es bei den Debatten weniger um die Integration der Menschen geht, sondern mehr um Wähler?
CZERNOHORSZKY: Ja, wobei natürlich Wähler auch Menschen sind (lacht). In der kritischen Position, die ich gegenüber dieser Symbolpolitik habe, ist es meine Aufgabe, Antworten auf die Fragen zu haben: Was bringt das, was wir tun? Was bringen die Sprachkurse? Was bringen alle diese Dinge, die wir machen, für jeden Wiener und jede Wienerin? Integration ist keine Einbahnstraße. Daher sind die Maßnahmen, die wir setzen, nicht nur Maßnahmen für MigrantInnen oder Flüchtlinge, sondern es sind Maßnahmen für Wien. Jeder Wiener/ jede Wienerin, wurscht ob er/sie hier geboren wurde oder nicht, profitiert von einer Stadt, in der sich alle einbringen können.

IW: War es nicht immer schon so in Wien, dass die Neuen kommen und die Alten sich über die Neuen beschweren?
CZERNOHORSZKY: In Wien war es immer der Fall, dass sich Menschen beschweren. Das ist auch ein wenig liebenswürdig an Wien. Wien ist und war immer eine Stadt, die von einem Kommen und Gehen geprägt war. Das ist an sich nichts Besonderes. Es ist per se weder gut noch schlecht. Es ist da. Die Frage ist: Wie geht die Stadt damit um, damit keiner übrig bleibt? Schlussendlich soll jeder sagen können: Mein Wien ist eine Stadt in der ich zu Hause bin und in der ich mich einbringen kann. Da gibt es keinen Unterschied zwischen jemandem der nach Wien gekommen ist und jemandem, der schon immer da war. Das Ziel ist alle im Blick zu haben. Integrationspolitik ist Politik für die gesamte Gesellschaft.

„ICH MÖCHTE KEINE GROSSEN SYMBOLDISKUSSIONEN FÜHREN“

IW: In Wien haben knapp 60% der Menschen Migrationshintergrund. Andererseits arbeiten hier im Rathaus, an dem Ort, wo am liebsten über Zusammenleben gepredigt wird, kaum Migranten. Was läuft hier schief?
CZERNOHORSZKY: Unser Ziel ist es selbstverständlich, dass die MitarbeiterInnen der Stadt ein Bild von Wien vermitteln, das Wien auch entspricht. Wir werden gemeinsam daran arbeiten müssen. Es hat sich aber auch sehr viel verändert in den letzten Jahren. Gerade bei den Schulen, bei den LehrerInnen, hat sich viel getan in punkto Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenz und auch Diversität. Das ist gut so und kann nur so weitergehen.

IW: Ist es ein Problem, dass viele Kinder in Wiener Schulen nicht Deutsch als Muttersprache haben?
CZERNOHORSZKY: Nein. Eine große Herausforderung ist, dass viele Kinder in Wiener Schulen, unabhängig von ihrer Muttersprache, nicht gut genug Deutsch können, um beim Unterricht mitzumachen und sich mit den anderen zu unterhalten. Sie sollen nicht die Muttersprache wechseln, sondern möglichst viele Sprachen gut sprechen können und eine davon muss natürlich Deutsch sein. Sehr viele Kinder brauchen da eine starke Unterstützung. Deshalb brauchen wir noch mehr SprachlehrerInnen und Sprachförderung in den Kindergärten. Erst im letzten Jahr haben wir die Anzahl dort verdoppelt, weil wir keinen einzigen Tag verlieren dürfen. Wir müssen die Kinder vom ersten Tag an fördern.

IW: Mutiert der IntegrationsministerKurz derzeit zu einem Populisten?
CZERNOHORSZKY: Nein, das ist er schon.

IW: Was sind die Hauptunterschiede zwischen der Wiener Integrationspolitik und jener von Integrationsminister Kurz?
CZERNOHORSZKY: Wir machen seit Jahrzehnten konkrete Integrationsarbeit. Das Gegenmodell ist ausschließliches Reden. Ich finde den politischen Unterschied am ehesten zwischen Reden und Tun.

IW: Nach seinen (Kurz) Ansichten sind Sie ein Träumer, er steht in der Mitte und rechts von ihm stehen die Hetzer. Was sagen Sie dazu?
CZERNOHORSZKY: Ich bin kein Träumer, im Gegenteil. Unsere große Stärke als Stadt Wien ist, dass wir arbeiten – im Unterschied zu jenen, die sich im Zusammenhang mit einer Integrationspolitik ausschließlich an einer Debatte beteiligen. Ich bin der Letzte, der sagt alles wäre super. Es gibt einen riesengroßen Berg an Herausforderungen, den wir stemmen müssen. Wien ist von Vielfalt geprägt, daher ist Integrationsarbeit auch wirkliche Arbeit. Und wir setzen Maßnahmen. Und ja – wahrscheinlich müssen wir noch lernen, auch vom Integrationsminister, dass wir diese Maßnahmen so hinausposaunen, dass sie Schlagzeilen machen.

IW: Was muss dringend getan werden, damit das friedliche Zusammenleben in der Stadt bestehen bleibt? Wie können wir dem Rechtsruck in Österreich, aber auch international, entgegensteuern?
CZERNOHORSZKY: Die Antworten sind vielfältig. Aber ich bin überzeugt davon, dass eine Antwort davon sein muss: für die überwiegende Mehrheit unserer Bevölkerung Politik zu machen! Und die überwiegende Mehrheit unserer Bevölkerung ist jene, die in Frieden zusammenleben möchte. Es muss eine klare, pointierte Auseinandersetzung geben, mit denjenigen, die dieses friedliche
Zusammenleben explizit nicht wollen. Es gibt auch solche, die den Eindruck haben, eine rasante Veränderung ist nicht a priori gut, sondern macht Angst, weil man nicht mitkommt. Jeder hat für sich genommen recht, jeder muss ernst genommen werden und ist der, für den ich Politik machen möchte.

IW: Anscheinend gibt es einen linken und einen rechten Flügel der Wiener SPÖ. Ich nehme an, Sie gehören zum linken…
CZERNOHORSZKY: Ich gehöre auf jeden Fall zu denen, die diese Diskussion in der Vergangenheit eher amüsiert als engagiert betrachtet haben. Was die Sozialdemokratie immer ausgemacht
hat, ist in der Gesellschaft zu stehen und damit auch die Breite zu haben. Ich habe es immer als unsere Stärke empfunden, dass in diesen Diskussionen eine große Vielfalt an Zugängen, eine Breite an Meinungen vereinbar waren. Weil man gemeinsam grundsätzlich an einem Strang gezogen hat. Ich möchte dazu beitragen, dass sich Auseinandersetzungen nicht wie Flügelkämpfe anfühlen, sondern wie eine gemeinsame Arbeit an einer Position, die uns insgesamt weiterbringt.

IW: Können Sie mir exklusiv verraten, wer der nächste Bürgermeister wird?
CZERNOHORSZKY: Michael Häupl.

IW: Das hab ich schon mal gehört (lacht). Können Sie mir zumindest das Geschlecht verraten?
CZERNOHORSZKY: Ja, männlich. Michael Häupl (lacht).

 

FOTO: MICHAEL MAZOHL