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Mrz

TANZ BABY!

Nein, es geht nicht um die gleichnamige österreichische Band, sondern um Wienerinnen und Wiener, die nach Rhythmus, Bewegung und Musik süchtig sind.

Wissen Sie, was eine Polka Française ist oder was es mit Modeln auf sich hat? Das Erste hat mit Frankreich genauso viel gemein wie unsere Manner Schnitten: nämlich gar nichts. Das Zweite, die Modeln, hören auf Namen wie „brennende Liebe“ oder „Hexnhaxn“. Sie wissen es immer noch nicht? Also Polka ist doch klar. Das ist ein Tanz. Und die Polka Française ist ein Gesellschaftstanz, der das erste Mal 1885 in Wien getanzt wurde und auch Hüpfelpolka heißt. Und die Modeln? Das sind Muster von Trachtenstutzen – der Aufputz zur Lederhose.

ELSE SCHMIDT, VOLKSTANZ: „MAN KANN TOTAL WEGFLIEGEN, ES IST MANCHMAL WIE EINE MEDITATION“

Willkommen in der Welt des Wiener Volkstanzes, wo man zu Klatschen noch Paschen sagt und wo alte und junge Tänzer gemeinsam auf dem Parkett tanzen. Es gibt Live-Musik statt Beats aus der Dose – jede der zwölf Wiener Volkstanzgruppen hat eigene Harmonikaspieler. Das ist Ehrensache. Und Ehrensache ist
auch, dass die Volkstänzer die tanzfreien Zeiten in der Fasten- und in der Adventzeit einhalten. Else Schmidt ist mit dem Volkstanzen aufgewachsen und Expertin auf dem Gebiet. Die 52-jährige Wienerin ist seit mehr als 30 Jahren im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Volkstanz Wien und seit 19 Jahren erste Vorsitzende. Sie ist Harmonikaspielerin, Lehrbeauftragte am Volksmusikforschungs-Institut und unterrichtet seit 14 Jahren das Fach „Bewegungs- und Tanzpraktikum“ an der Universität für Musik. Schmidts Vater war ebenfalls Vorstand in der Arbeitsgemeinschaft und hat Volkstanzkurse in der Sportunion geleitet. „Dort haben sich meine Eltern kennen gelernt. Volkstanz war von Anfang an ein Familienprojekt.“ In Wien kann man jeden Abend Volkstanzen. „Ob beim Volkstanzkreis Schönbrunn, wo junge Leute gut aufgehoben sind, beim Volkstanzkreis Alt Simmering oder beim Tanzkreis Wald in Sandleiten“, sagt Schmidt. Else Schmidt tanzt seit sie ein Kind ist. „Meine Eltern sind Volkstanzen gegangen und unsere Oma hat auf uns aufgepasst. Wir haben uns immer gefragt, wann dürfen wir endlich mit?“, erinnert sie sich. Tanzen ist für Schmidt Musikmachen mit dem Körper. „Das, was mich begeistert ist, dass man die Musik komplett aufsaugen kann. Man kann total wegfliegen, es ist wie
eine Meditation“, so Schmidt. Die Frühzeit der Volkstanzbewegung liegt am Anfang des 20. Jahrhunderts, die Vereine haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Typisch für Wien ist die Kreuzpolka, der Neubayrische oder ein Walzer mit Zwischenbewegungen. „So wie man es auf dem Ball sieht, wo die Leute vor- und rückwärts schwingen und die Dame drehen. Das hat man überall getanzt.“ Was viele nicht wissen, Wien hat auch eigene Trachten wie das Grinzinger Dirndl. „Die meisten Damen nähen einmal im Leben ihre Tracht selbst, manche machen das leidenschaftlich gerne öfters. Oder die Herren stricken ihre Westen oder ihre Stutzen.“

Und wohin geht der Trend? „Die Aufgeschlossenheit der jungen Leute ist viel größer als noch vor ein paar Jahren.“ In Zeiten, wo man patriarchalisch gedacht habe, ist man sehr brav mit Quellen und Vorgaben umgegangen und das habe sich verändert. „Heute hinterfragt man mehr und ist auch im Volkstanz individueller unterwegs. Wir versuchen, das Regelwerk nicht zu verlieren, aber trotzdem den Freiraum zu nutzen“, sagt Else Schmidt.

 

EVA LOJKA, CHEERDANCE: „TANZEN IST FÜR MICH EIN GEFÜHL VON FREIHEIT“

Pompons. Weiße Pompons. Hammergeil. Doch Cheerdance bedeutet mehr, als nur effektvoll die Bommeln in der Luft zu schwingen. „Schnelle, präzise Choreografien mit Motions, Spagatsprüngen und Pirouetten sind wichtig. Motions sind die markanten Armpositionen, die aus dem Cheerleading kommen und Cheerdance so unverwechselbar machen. Es sind jedoch viele Techniken aus dem Ballett dabei“, erklärt Eva Lojka. Die Wienerin ist Head Coach bei den Premium Dancers, dem offiziellen Cheerdance-Team des American Football Clubs Danube Dragons, der seine Heimstätte in Stadlau hat. Lojka hat das Dance-Team für die Danube Dragons 2008 aufgebaut. Heute zählt die Tanztruppe 65 Mitglieder ab 6 Jahren.

„Wir sind bei nationalen und internationalen Meisterschaften vertreten. Heuer nehmen wir das dritte Mal bei der Europameisterschaft und das erste Mal bei den Weltmeisterschaften im April in Orlando teil“, erklärt Eva Lojka. Cheerdance ist eine Mischung aus verschiedene Tanzstilen inklusive Akrobatikelementen und hat sich aus dem aus dem Cheerleading entwickelt. Eva Lojka ist nicht mehr im Wettkampf-Team, aber im Show-Team aktiv. „Tanzen ist für mich ein Gefühl von Freiheit. Obwohl das aufgrund der Disziplin und des harten Trainings ein wenig komisch klingt“, sagt die ausgebildete klassische Tänzerin. Lojka war Ballettelevin an der Staatsoper und hat nach der Matura Sport studiert. „Cheerdance ist natürlich ganz etwas anders als klassisches Ballett. Cheerdance ist sexy, hat mehr Power und die Freude steht im Vordergrund.“ Wer einmal wie ein Cheerleader mit Poms tanzen möchte, kann an einer Cheerfitness-Stunde mit Eva Lojka teilnehmen. „Mir war es ein großes Anliegen, den Tanzstil für jeden zu öffnen. Ohne Vereinsdruck und ohne Verpflichtungen, auch für erwachsenen Frauen“, sagt Eva Lojka. In Eva Lojkas Kurs (www.tanzfitness.at) kann jeder, egal wie alt er oder sie ist, jederzeit einsteigen. Na dann: Pompons hoch!

 

BETTINA UND SEBASTIAN, SALSA: „EGAL, WAS DIR ZUSETZT, SOBALD DU DIE ERSTE DREHUNG MACHST, REISST ES DICH MIT.“

Sie tanzt, seit sie zwölf Jahre alt ist. Er hat sich vor zwei Jahren von seiner Frau inspirieren lassen. Obwohl sie davon zunächst nicht begeistert war. Doch alles von Anfang an. „Sagen Sie nichts über Kreuzfahrten. Kreuzfahrten sind super“, sagt Bettina. Die Kreuzfahrt mit ihrer Mutter vor fünf Jahren war der Beginn einer Leidenschaft. Von Salsa. Von Salsa Cubana, wo man viel mit den Hüften kreist und sich wild links und rechts drehen darf. „Auf dem Kreuzfahrtschiff gab es ein Tanzcafé mit Taxi-Tänzern, die einem zum Tanzen aufgefordert haben. Und ich stehe da und habe keinen Tau von Salsa. Dann dachte ich mir, das kann es nicht sein. Ich tanze seit ich zwölf Jahre alt bin und kann kein Salsa? Ich bin am Sonntag in Wien angekommen und war am Montag auf meinem ersten Salsa-Tanzabend.“ Und dann sei es losgegangen, sagt Bettina. „Ich sage immer: Egal, was dir zusetzt, sobald du die erste Drehung machst, reißt es dich mit. Salsa tanzen bringt Freude. Man lacht, man ist gut drauf. Salsa birgt Suchtgefahr“, erzählt die 32-Jährige. Vor zwei Jahren hat sich ihr jetziger Ehemann auch auf das Tanzparkett gewagt. „Als Paar ist es das schönste Hobby. Du bewegst dich und du lernst Leute kennen“, ist Bettina heute überzeugt. Warum die anfängliche Skepsis? „Wenn man mit dem Partner zum Tanzen kommt, haben andere oft eine Hemmung, einen aufzufordern.“ Einmal pro Woche wirft sich das Ehepaar in Schale. Denn niemand geht in Jeans zum Salsa. Das wichtigste Tanzaccessoire sind Bettinas sieben Zentimeter hohe Tanzschuhe. „Ich habe mich von einem auf zwei Zentimeter gesteigert, jetzt bin ich bei sieben. Man kann natürlich auch mit flachen Schuhen tanzen. Aber die Höhe der Absätze ist egal, denn man lernt, sich auf den Zehenspitzen zu bewegen.“ Ihr Mann gehe das Tanzen völlig anders an. „Er ist Mathematiker. Für ihn ist es wichtig, möglichst viele der über 200 Schrittkombinationen zu erlernen.“ Salsa hat für Sebastian aber auch eine soziale Komponente. „Es gibt eine große Community. Im Gegensatz zu Clubbings kennt man die Leute, die sich auf der Tanzfläche bewegen“ sagt er.

Wien ist für Salsatänzer eine Traumstadt. „Man könnte die ganze Woche an mindestens einer Location Tanzen gehen. Ich war vor drei Jahre auf Kuba. Und ich glaube, in ganz Havanna gibt es nicht so viele Salsa-Tanzmöglichkeiten wie in Wien“, meint Bettina und räumt mit einem Klischee auf. „Jene, die nur tanzen um jemanden aufzureißen, gibt es zum Glück bei den klassischen Salsaveranstaltungen nicht.“

 

STORY: ALEXANDRA LAUBNER
FOTOS: MICHAEL MAZOHL, HE SHAO HUI