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„Terrorismus hat mit dem Islam zu tun“

Tarafa Baghajati, Obmann der Initiative Muslimischer ÖsterreicherInnen (IMÖ), über das Integrationsgesetz, Extremismus, Terrorismus und den Jihad.

 

IW: Inwieweit haben die terroristischen Angriffe in Europa in der letzten Zeit mit dem Islam zu tun?
BAGHAJATI: Viele Muslime antworten reflexsartig „es hat mit dem Islam nichts zu tun“. Solange sich aber diese Verbrecher auf den Islam berufen, dann hat es damit zu tun. Es hat mit der richtigen Islamischen Lehre nichts zu tun. Und nachweislich können wir unseren jungen Leuten ganz gut erklären, warum der Terror unislamisch ist. Das Problem ist: 90-95% der Jugendlichen, die zu extremistischen Richtungen rekrutiert werden, waren nie in einem muslimischen, religiösen Umfeld sozialisiert. Meistens sind das Leute, die entweder Geltungssucht, psychische Probleme oder Drogenprobleme haben. Dann kommen diese Extremisten und versuchen diese Jugendlichen für sich zu gewinnen. Hier müssen wir sehr viel Aufklärungsarbeit leisten.

IW: Sollten sich die Vertreter der österreichischen Muslime bei jedem Terrorakt distanzieren? Manche verlangen es.
BAGHAJATI: Ja, und wir machen es. Wobei eine Distanzierung zu wenig ist. Daher muss unsere Verurteilung, ohne Wenn und Aber, immer klar und deutlich sein. Stellungnahmen machen wir zu
jedem Angriff. Leider Gottes kommen aber unsere Stellungnahmen nicht immer in den Medien.

IW: Haben wir es in Österreich mit einer steigenden Islamophobie zu tun?
BAGHAJATI: Ich nenne es lieber Islamfeindlichkeit, und ja, das haben wir. Erst mit Ende der 90er Jahre hat man angefangen über den Islam zu sprechen. Da haben die Freiheitlichen begonnen, Muslimische Frauen mit Kopftuch von hinten zu fotografieren und zu sagen: „Das ist die Überfremdung!“. Und seit dem 11. September wurde es viel stärker und nach diesen ganzen terroristischen Attacken ist in der Tat dieses Misstrauen gegenüber Islam gestiegen. Ich deklariere nicht jede Angst und jedes Misstrauen vor Islam als Islamfeindlichkeit. Das ist ein subjektives Gefühl und wir als Muslime müssen damit leben und auch aufklären. Was ich als Islamfeindlichkeit betrachte, ist eine bewusste Rechtfertigung von Diskriminierung von Muslimen. Alles andere, inklusive Islamkritik, ist für mich keine Islamfeindlichkeit. Religionskritik ist nicht per se Islamfeindlichkeit.

IW: Beim Bau der Moschee in Wien, Ende der 70er Jahre, hat die Kronen Zeitung getitelt, dass ein neues Wiener Wahrzeichen entsteht…
BAGHAJATI: Damals war das kein Thema. Bis dahin hat man die Muslime als Gäste gesehen. UNO-Beamte, Studenten, Arbeiter die kommen und dann wieder gehen. Als Muslime hier ansässig und Bürger wurden, und die zweite und dritte Generation nachgekommen ist, konnten und wollten das manche Leute nicht akzeptieren. Und dann hat die Freiheitliche Partei begonnen, Islamfeindlichkeit als politisches Programm zu verwenden und alle möglichen Probleme zu „islamisieren“. Zum Beispiel mit der Aussage „Daham anstatt Islam“. Das war und ist eine höchst gefährliche Aussage, die sagt „Ihr Muslime seid hier nicht zu hHause“. Das heißt, Islam sei nicht kompatibel mit „Daham“. Leider Gottes versuchen immer wieder auch andere Parteien solch ein Programm zu nehmen, mit dem Irrtum, dadurch ein paar Stimmen zu bekommen, doch damit stärkt man nur die rechte Gesinnung.

„WIR MÜSSEN UNBEDINGT DIE LEUTE ZUR POLITISCHEN PARTIZIPATION ERMUNTERN UND MEHR POLITISCHE BILDUNG IN SCHULEN ANBIETEN.“

IW: Was können Muslime in Österreich gegen diese Islamfeindlichkeit tun?
BAGHAJATI: Sehr viel! Wir müssen viel mehr Kontakt zur Bevölkerung haben und präsent sein in allen Bereichen des Lebens. Wir müssen unbedingt die Leute zur politischen Partizipation ermuntern und auch mehr politische Billdung in den Schulen anbieten. Und wir müssen immer gute Koalitionen schaffen: erstens mit allen anderen Religionsgemeinschaften, aber auch mit allen
zivilgesellschaftlichen Organisationen, politischen Parteien, Gewerkschaften, etc. Deshalb ermuntere ich immer die Jungen: man muss immer neben dem Studium, neben seinem Beruf einen Tätigkeitsbereich suchen, bei der Flüchtlingshilfe, Feuerwehr, bei der Rettung, bei einer Obdachlosen- Unterstützung oder bei einer politischen Partei. Der meiste Hass kommt von Leuten, die noch nie mit Muslimen zu tun gehabt haben. Das ist genauso wie beim Antisemitismus. Auch in den 30er Jahren war Judenhass nachweislich dort am meisten verbreitet gewesen, wo keine Juden gelebt haben. Und heute ist das ziemlich ähnlich mit Muslimen. Wir sehen Länder wie Tschechien, wo auf einmal Islamfeindlichkeit sehr hoch ist, wo kaum Muslime leben.

IW: Es gibt auch Studien unter Migranten und auch unter Muslimen, dass es auch dort Hass und Feindlichkeit gegenüber anderen Religionen oder Minderheiten gibt. Es ist also kein exklusives Problem der Mehrheitsgesellschaft.
BAGHAJATI: Antisemitismus lebt noch heute in Österreich und es ist unser aller Aufgabe, dagegen zu kämpfen. Es ist nicht gelöst, wenn man sagt, es sind nur die Muslime. Wir würden aber auch einen Fehler machen, wenn wir Muslime sagen, dass es uns nichts angeht. Wir sind hier aktiv und versuchen auch die Imame, Seelsorger und LehrerInnen so auszubilden und in diese Richtung zu sensibilisieren.

IW: Wenn wir schon bei dem Thema sind: Was könnte man gegen die Radikalisierungsgefahr von Jugendlichen tun?
BAGHAJATI: Problempotenzial richtig erkennen und dort arbeiten. Und hier ist es in der Tat im Religionsunterricht sehr wichtig, den Kontakt zu den Jugendlichen zu halten, aber auch in den Moscheen und in der Sozialarbeit. Wir brauchen eine gute Kombination von Jugendbetreuung mit einer islamischen Ergänzung, wenn es sein muss. Die Muslime sollen nicht die anderen Programme ersetzen, sondern immer als eine Ergänzung dienen. Zum Beispiel, bei Anfragen von Antiradikalisierungs- Hotlines gebe ich Tipps wie man islamisch gegen Radikalisierung argumentieren kann.

IW: Braucht auch der Islam eine Reform?
BAGHAJATI: Ja, eine Reform des Verständnisses der Religion. Wir wollen nicht den Koran ändern, sondern neue Ansichten und Interpretationen hervorbringen, insbesondere was die Herausforderungen in Europa betreffen. Eine Erneuerung verschiedener Interpretationen hat es in der islamischen Geschichte immer wieder gegeben, wo die Faktoren Zeit, Mensch und Ort immer eine wesentliche Rolle gespielt haben.

IW: Warum denkt ein Teil der Bevölkerung, dass Muslime schwerer zu intergrieren sind? Sind die Türken in Österreich schlechter integriert als die Ex- Jugoslawen, oder Menschen aus Afghanistan schlechter integriert als die aus Deutschland?
BAGHAJATI:Es werden 5 Faktoren – Integration, Religion, Migration, Asylpolitik, Weltpolitik – immer vermischt. Jugendliche aus Afghanistan sind nicht vergleichbar mit Jugendlichen aus Syrien. 20 Burschen, die vielleicht ihre Familie seit 5 Jahren nicht gesehen haben, die zusammen über die Balkan-Route gekommen sind, sind nicht vergleichbar mit einer syrischen Familie mit zwei Kindern. Die sind alle Muslime, aber sie haben komplett verschiedene kulturelle Hintergründe. Wir dürfen nicht alles auf die Religion projizieren. Wenn sich tschetschenische Jugendliche gegen afghanische Jugendliche irgendwo bekriegen, ist es nicht, weil sie Muslime sind.

IW: Letzte Frage, die mich persönlich sehr interessiert… Was steht eigentlich im Koran über Menschen, die nicht an Gott glauben?
BAGHAJATI: Im Koran gibt es viele Stellen, die über den Menschen allgemein reden. Der Koran nimmt gewisse Themen, so wie die Werte, die wir gerade besprochen haben, universell, sagt aber gleichzeitig: ihr werdet nicht alle Menschen muslimisch machen können, das ist auch nicht eure Aufgabe. Denn wenn Allah es wollte, hätte er alle von einer einzigen Gemeinschaft geschaffen. Im Koran steht, dass die Verschiedenheit der Menschen gottgewollt ist. Wenn jemand Fragen hat, wenn jemand Aufklärung braucht, soll ich da sein. Wenn nicht, einigen wir uns auf diese gemeinsamen Werte, dass wir zueinander stehen, dass wir solidarisch untereinander sind. Das ist für mich die islamische Botschaft, auch hier in Europa.

 

INTERVIEW: DINO SCHOSCHE
FOTO: MICHAEL MAZOHL