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Apr

Migrantenvertreter Schosche: Sind „Türken“ das Problem?

Im Beitrag „Warum junge Türken nicht aufholen“ berichtet der Kurier von SchülerInnen mit türkischem Migrationshintergrund, welche laut Artikel für das Schulsystem eine besondere Herausforderung darstellen. Dabei kommen auch zwei Wiener NMS-DirektorInnen zu Wort und behaupten, unter anderem, dass die SchülerInnen „geistig nicht in Österreich angekommen“ seien und es problematisch sei, dass sie zuhause nur Türkisch sprechen und in den Sommerferien in die Türkei fahren.

Dino Schosche, MigrantInnenvertreter und Initiator der Wiener Integrationswoche, kritisiert die Aussagen des Artikels scharf: „Solche skandalösen Behauptungen zeugen nicht nur von fehlenden interkulturellen Kompetenzen so mancher PädagogInnen, sondern zeigen auch noch in aller Deutlichkeit, dass sich jahrzehntelange Hetze gegenüber MigrantInnen auch in unserem Bildungssystem verbreitet hat. Anders kann ich mir nicht erklären, mit welcher Selbstverständlichkeit die Wiener SchuldirektorInnen Christian Klar und Andrea Wallach mit solchen rassistischen Aussagen in die Öffentlichkeit treten.“

Besonders problematisch findet Schosche die Doppelmoral zur Mehrsprachigkeit. „Einerseits zeichnen Forschungsergebnisse ein positives Bild der Erziehung zur Mehrsprachigkeit und zeigen, dass mehrsprachige Kinder kreativer und kommunikativer sind und bessere Lösungskompetenzen haben. Andererseits behaupten zwei Wiener SchuldirektorInnen, dass es ein Problem ist, wenn SchülerInnen zuhause eine andere Sprache sprechen und wenn sie in den Schulferien ins Ausland fahren. Und noch schlimmer: Dabei zeigen sie explizit auf eine Community und werfen den SchülerInnen vor, dass sie in einer Parallelwelt leben und dass sie, obwohl hier geboren, geistig noch nicht in Österreich angekommen sind. Indem sie Kindern und Eltern signalisieren, dass ihre sprachlichen Ressourcen nichts wert und unerwünscht sind, unterminieren sie das Selbstvertrauen der Kinder und das ist ein Skandal sondergleichen“, so Dino Schosche und betont weiter: „In Wien werden 250 Sprachen gesprochen. Anscheinend gibt es aber populäre und unpopuläre Sprachen.“

Konstruktive Vorschläge vermisst MigrantInnenvertreter Schosche vor allem seitens der SchuldirektorInnen: „Es gibt keine Lösungsvorschläge, sondern explizit Diskriminierung gegenüber einer Community. Brauchen wir jetzt noch ein Ausreiseverbot und einen ORF-Zwang für SchülerInnen mit türkischem Hintergrund? Das würde das österreichische Integrationskonzept wunderbar ergänzen, da es sowieso ausschließlich aus Verboten, Drohungen und Strafen besteht.“

Die wahren Probleme ortet Schosche im österreichischen Bildungssystem und der mangelnden Förderung der Muttersprachen. „Die Probleme im Bildungssystem werden mit Sicherheit nicht durch Beleidigungen und Fingerzeig auf eine Gruppe gelöst, sondern mit spezifischen Angeboten, Förderung der interkulturellen Kompetenzen und vor allem mit mehr Wertschätzung für die Mehrsprachigkeit von Kindern. Das verpflichtende Kindergartenjahr und der Gratis-Kindergarten sind gute Ansätze, aber man muss das Beratungsangebot für junge Eltern ausweiten, zum Beispiel mit kostenlosen mehrsprachigen Informationsbroschüren rund um das Thema mehrsprachige Erziehung. Außerdem wäre es wichtig, dass mehr MigrantInnen als PädagogInnen arbeiten, weil wir in einer bunten Gesellschaft leben und diese Vielfalt sich auch in allen Bereichen widerspiegeln sollte“, hebt Schosche hervor.

„Natürlich tragen MigrantInnen, insbesondere Eltern, eine große Verantwortung dafür, dass ihre Kinder die bestmöglichen Bildungschancen bekommen. Aber genauso liegt es an den Verantwortlichen in diesem Land, sich zu den MigrantInnen zu bekennen und ihre Teilhabe an der Gesellschaft zuzulassen. Ich werde im Rahmen der 7. Wiener Integrationswoche die Gelegenheit nutzen, um darüber persönlich mit dem Stadtschulrat und dem Bildungsstadtrat zu sprechen. Außerdem wäre es wichtig, dass sich die genannten SchuldirektorInnen für diese skandalösen Aussagen öffentlich entschuldigen“, sagt Dino Schosche abschließend..

Die 7. Wiener Integrationswoche findet vom 26. April bis 10. Mai 2017 mit über 100 Kooperationspartnern und mehr als 300 Veranstaltungen im Zeichen der Wiener Vielfalt statt: www.integrationswoche.at
Pressefoto: http://bit.ly/2bwGGoL
Credit: Bum Media / Michael Mazohl

Link zum Kurier-Artikel „Warum junge Türken nicht aufholen“: https://kurier.at/politik/inland/warum-junge-tuerken-nicht-aufholen/257.783.348

 

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