18
Mai

Mit besorgten Gruessen: Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner beantwortet Leserbrief

WER kennt sie nicht: Leserbriefe, die einen ob ihrer Ignoranz immer wieder erstaunen. Unsere LeserInnen antworten jetzt den Schreiberlingen – mit Witz, Sachlichkeit und einer Prise Sarkasmus.

 

Flüchtlinge reisen aus

Jetzt scheint also erwiesen, was eigentlich von vornherein jeder hätte wissen können oder müssen: Ganze Familien haben zusammengezahlt, um einem ihrer jungen männlichen Sprösslinge die „Spesen“ der Schlepper zu finanzieren, ohne die er niemals nach Europa gekommen wäre. Diese „Familienfinanzierung“ erfolgte natürlich in der Hoffnung, über kurz oder lang werde der ganze Clan in das europäische Asylland nachkommen können. Nachdem diese in den sogenannten Familiennachzug gesetzte Hoffnung nun vielfach wie eine Seifenblase zu platzen scheint, setzt eine Gegenbewegung der „Flüchtlinge“ ein. Anscheinend sind sie, was menschlich verständlich ist, doch lieber bei ihren Familien in der Heimat als in einem europäischen Land, in dem die Willkommens-Euphorie mittlerweile deutlich abgeebbt und auch die Aussicht auf Gründung einer eigenen Familie nicht gerade rosig ist.

(Oberösterreichische Nachrichten, Dr. Johann Hahn, Perg, erschienen am 18.4.2018)

 

Sehr geehrter Herr Dr. Johann Hahn,

vielen Dank für Ihren Leserbrief in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 18.4. Mein Name ist Klaus Schwertner und ich bin Generalsekretär der Caritas der Erzdiözese Wien. Ich wurde gebeten, Ihnen auf Ihren Brief zu antworten, was ich hiermit auch sehr gerne tue. Man kann in aufgeregten Zeiten wie diesen schließlich nicht genügend Briefe schreiben. Ich meine das ganz ernst und frei von Ironie. Ich habe in den vergangenen drei Jahren viele Nachrichten erhalten – via Mail, via Messengerdienste oder ganz unmittelbar mündlich vorgetragen (mitunter auch lautstark) am Telefon. Manche VerfasserInnen waren wütend, manche ratlos, viele aufbauend und alle motivierend. Motivierend, weil sie für mich Ansporn sind, unsere Arbeit und die Gründe für unser Tun noch besser zu erläutern.

Aber nun zu Ihrem Brief. Sie schreiben unter dem Titel „Flüchtlinge reisen aus“, dass dereinst ganze Familien in Kriegs- und Krisenregionen ihr Geld zusammengelegt hätten, um den Schlepper eines Einzelnen zu bezahlen. In der Hoffnung, dass es ihrer Tochter oder ihrem Sohn in Europa besser geht und dass sie oder er in Sicherheit leben kann. Das ist korrekt. Sie schreiben weiter, dass diese „Familienfinanzierung“ in der Hoffnung getätigt wurde, dass eben diese Familien ihren Kindern einmal im Rahmen einer Familienzusammenführung auf legale Weise folgen können. Auch das ist korrekt. Weiters halten Sie fest, dass nun viele – nachdem die Familienzusammenführung von den politisch Verantwortlichen erschwert wurde – wieder heimkehren, um bei ihren Liebsten zu sein. Auch damit haben Sie teilweise recht – es sind aber nicht sehr viele. Ich frage mich nur: Was genau daran ist nun so gut? Was anderes ist dadurch bewiesen, als dass das gegenwärtige europäische und damit auch das österreichische Asylsystem menschenverachtend ist? Keine Frage: Österreich hat neben Deutschland und Schweden in den vergangenen Jahren große Verantwortung für geflüchtete Menschen übernommen. Und auch für uns als Caritas ist klar: Nicht jeder, der Asyl beantragt, kann auch Asyl erhalten. Aber jede und jeder hat das Recht auf ein faires Verfahren.

Sehr geehrter Herr Doktor Hahn, ich bin überzeugt, dass das europäische Asylwesen in seinen Grundzügen reformierungsbedürftig ist. Ich denke, Sie stimmen darin mit mir überein. Die Regierenden Europas sagen: Wir müssen den Schleppern das Handwerk legen. Dieselben Regierenden sind es aber, die Menschen auf der Flucht ebendiesen Schleppern ausliefern. Warum? Bis heute gibt es für vom Krieg und persönlich verfolgte Menschen praktisch keine legale Möglichkeit, um nach Europa zu gelangen. Menschen setzen sich nicht ins Schlauchboot und riskieren ihr Leben, weil bei uns angeblich die „Willkommenskultur“ so stark ausgeprägt ist, sondern weil wir ihnen keine andere Wahl lassen. Sichere Fluchtrouten? Fehlanzeige. Botschaftsverfahren in den Krisenregionen? Abgeschafft. Resettlementprogramme? Verschwindend geringe Kontingente. Familienzusammenführung? Kriterien verschärft. Hilfe vor Ort? Wird nicht ausgebaut, wie hundertfach von der Politik im Wahlkampf versprochen, sondern gekürzt. Was bleibt, sind Schlauchboot, LKW und ein florierendes Schlepperwesen. Als Caritas sind wir überzeugt: Wer Schleppern das Handwerk legen möchte, muss Menschen auf der Flucht die Möglichkeit geben, Europa auf legalem Weg zu erreichen. Der muss Hilfe vor Ort nicht nur predigen, sondern auch tatsächlich forcieren.

Derzeit sind deutlich mehr als 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. So viele wie noch nie seit dem Ende des II. Weltkrieges. Neun von zehn Flüchtlingen sind Binnenflüchtlinge oder bleiben in ihren Herkunftsregionen. Im Fall von Syrien in Jordanien oder dem Libanon. Ich denke, Sie stimmen mit mir darin überein, dass wir die Wahl haben: Helfen wir den Menschen vor Ort, geben ihnen Hoffnung und Zuversicht, oder zwingen wir sie, klapprige Boote zu besteigen und ihr Leben zu riskieren. Ja, jedes Land hat das Recht, seine Grenzen zu sichern, und jedes Land – oder in unserem Fall Europa – hat das Recht, erfahren zu wollen, wer zu uns kommt. Aber wir sollten gemeinsam sicherstellen, dass die Grenzen Europas keine Grenzen des Todes sind. Dass es uns gemeinsam gelingt, Menschen zu helfen – vor Ort und hier bei uns. Ich glaube, wir sind hier auf einem deutlich besseren Weg, als uns viele glauben machen wollen. Klar ist, die Aufgaben, die vor uns liegen, sind herausfordernd, aber bewältigbar. Am Ende des Tages wird es hierfür aber nicht genügen, wenn jedes Land für sich an einer Antwort auf eine globale Frage arbeitet. Am Ende des Tages kann es nur eine europäische Lösung geben. Wir sind der Meinung, dass es eine Antwort sein sollte, die die Nöte der Menschen nicht aus dem Blick verliert. Eine Antwort, die Humanität und Solidarität buchstabiert, und eine Antwort, die Menschen, die vor Verfolgung und Krieg fliehen, Hoffnung und Sicherheit bietet. Danke an der Stelle noch einmal für Ihren Leserbrief. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute, Gesundheit und uns wünsche ich, dass wir noch lange in Sicherheit leben können. Über Ihre Antwort auf mein Schreiben würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen
Klaus Schwertner, Generalsekretär Caritas Erzdiözese Wien

 

Foto: Shutterstock

Dieser Artikel stammt aus der Jahrespublikation „Integration“, (07.05.2018): Die ganze Publikation finden Sie hier: http://www.integrationswoche.at/integration2018.pdf