18
Mai

Gibt es in Österreich Parallelgesellschaften?

Wir haben nachgefragt: Gibt es in Österreich Parallelgesellschaften? Dr. Peter Kaiser (Landeshauptmann Kärnten), Günther Platter (Landeshauptmann Tirol), Christian Kern (SPÖ Bundesparteivorsitzender), ZARA Geschäftsführer Dieter Schindlauer, Bundesministerin Frau Mag. Hartlinger-Klein, Ehemaliger NEOs-Klubobmann Matthias Strolz, Alma Zadic von der Liste Pilz und viele mehr gaben uns Antworten. 

„In Österreich leben Menschen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft. Zum Schutz unserer solidarischen Wertegemeinschaft ist es unerlässlich, die Menschen, die zu uns kommen, zu integrieren. Eine erfolgreiche Integration, von der beide Seiten – Zuwanderer ebenso wie die einheimische Bevölkerung – profitieren, setzt das eindeutige Bekenntnis zu unseren Werten, Regeln und Pflichten sowie deren uneingeschränkte Einhaltung voraus. Beiderseitiger Respekt vor der Würde und gegenseitiges Verständnis für Sorgen, Anliegen und Ängste des jeweiligen Gegenübers sind für eine gelingende Integration ebenso wichtig. Die derzeit in ganz Österreich stattfindende Integrationswoche ist eine gute Möglichkeit, sich aktiv beim Thema Integration einzubringen und Parallelgesellschaften damit von vornherein die Grundlage zu entziehen.“

Dr. Peter Kaiser (Landeshauptmann von Kärnten)

„Unter dem Eindruck vielfacher Veränderungen und Entwicklungen ist der Dialog besonders wichtig, auch um Parallelgesellschaften zu verhindern. Arbeit und Beschäftigung, Sicherheit, Perspektiven für junge Menschen, leistbares Wohnen und der soziale Friede sind die Themen und die großen Herausforderungen, denen wir uns widmen müssen. Eine Kultur lebt von der Vielfalt. Wichtig ist allerdings, dass universelle Werte wie Menschenrechte und Grundfreiheiten über allem stehen. Um Mitmenschen in ihrer kulturellen und religiösen Vielfalt zu schätzen und anzuerkennen, braucht es in erster Linie den intensiven Dialog.“

Günther Platter (Landeshauptmann von Tirol)

„Integration ist eine der größten Herausforderungen für unser Land. Gerade deshalb sollte ihr eine politische Priorität in Österreich eingeräumt werden. Zurzeit erleben wir aber, dass die schwarz-blaue Bundesregierung massive Kürzungen der Integrationsmittel in fast allen gesellschaftlichen Bereichen vornimmt. Wichtige Integrationsmaßnahmen der letzten Jahre werden gestrichen – unter anderem fielen der schwarz-blauen Zukunftsvergessenheit schon der Integrationstopf in der Bildung sowie Mittel des AMS für das Integrationsjahr zum Opfer. Um den Zusammenhalt in unserem Land zu stärken, müssen wir aber mehr in Integration investieren. Nur so können wir eine Gesellschaft frei von Diskriminierung werden, in der jeder Mensch die gleichen Chancen hat. Denn uns ist wichtig, wo die Menschen hinwollen, nicht, wo sie herkommen.“

Christian Kern (SPÖ-Bundesparteivorsitzender)

„Ich sehe in Österreich eine Vielzahl an sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, bildungsbezogenen, sprachlichen, politischen, geschlechterbezogenen, religiösen und anderen Parallelgesellschaften. Problematisch ist das dort, wo es keine Durchlässigkeit, kein übergreifendes Verständnis und keine Kommunikationsbereitschaft gibt und wo Solidarität und Ausgleich abgelehnt und Grundelemente unserer Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht akzeptiert werden. Deshalb ist es mir ein Anliegen, dass Durchmischung gefördert wird, dass Zugehörigkeit zu unserer Demokratie für alle ermöglicht wird, dass Austausch verstärkt und niemand in Chancen- und Perspektivlosigkeit zurückgelassen wird.“

Alexander Pollak (SOS Mitmensch)

„Na klar! Die GolferInnen und die KeglerInnen, die OpernfreundInnen und die Heavy-Metal-Fans, die Fashion-Victims und die Öko-Fans und so weiter … In unserem privaten Umfeld haben wir als Menschen oft die Tendenz, uns mit Leuten zu umgeben, die ähnlich „ticken“ wie wir selbst. Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben mit ganz vielen anderen persönlich eigentlich nie zu tun. Als problematisch wird das üblicherweise nur wahrgenommen, wenn die Merkmale, die Gruppen verbinden, zum Beispiel mit ethnischem Hintergrund oder Religion in Zusammenhang stehen.“

Mag. Dieter Schindlauer (ZARA-Geschäftsführer)

„Für eine gelingende Integration des Einzelnen sind der Erwerb der deutschen Sprache, die Akzeptanz unserer Werte und die Teilnahme am Arbeitsmarkt Voraussetzungen. Gerade die Erwerbstätigkeit ist ein zentraler Faktor im Leben eines jeden Menschen, da sie das Führen eines selbstbestimmten Lebens ermöglicht und einen wertvollen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung darstellt. Aus diesem Grund sehe ich es als wichtige Aufgabe, Migranten durch eine koordinierte Vorgangsweise und mit gut abgestimmten beschäftigungs-, bildungs- und sozialpolitischen Initiativen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Eine Gesamtstrategie für qualifizierte Zuwanderung mit dem Ziel, künftig noch klarer zwischen qualifizierter Arbeitsmigration, EU-Mobilität und Asyl zu differenzieren, ist eines unserer Ziele.“

Mag. Beate Hartinger-Klein (Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz)

„Wer über Integration redet, redet auch gerne über Parallelgesellschaften. Den Versuch zu definieren, was Parallelgesellschaft bedeutet und welche Faktoren zu ihrer Bildung führen, findet man in der Debatte aber kaum. Sie wird oft als das hingenommen, was man selbst darunter versteht. Dieses Verständnis kann unterschiedlich sein. Für manche lebt man bereits in einer Parallelgesellschaft, wenn man sich einer kulturellen Gruppe zugehörig fühlt und diese in einem begrenzten Raum lebt. Unter diese Definition fallen aber nicht nur MigrantInnen-Vierteln, sondern auch Studierendenviertel oder Bobo-Vierteln. Die Parallelgesellschaft wird aber erst dann als „bedrohlich“ wahrgenommen, wenn soziale Aspekte wie hohe Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate, wenig Chancen auf sozialen Aufstieg, oder mangelnde Deutschkenntnisse dazu kommen und damit der Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft verloren geht. Um solche Parallelgesellschaften zu vermeiden, müssen wir in erster Linie in die Bildung investieren, die sozialen Chancen für Randgruppen erhöhen und einfordern. Nur durch eine aktive Teilnahme am Erwerbsleben und am sozialen Leben, wird die Parallelgesellschaft ein Teil der Mehrheitsgesellschaft.““

Dr. Alma Zadić (Abgeordnete im Nationalrat, Liste Pilz)

„Österreich und viele Länder bestehen eigentlich nur aus Parallelgesellschaften. Parallelgesellschaften sind für mich Gesellschaften, die versuchen, das Leben ghettoartig zu gestalten. Das bedeutet auch, dass wir in einer Gesellschaft sind, die noch kein Wir-Gefühl entwickelt hat, da die Zeit noch nicht reif dafür ist. Es ist eine Gesellschaft, die extrem auf die sogenannte Tradition achtet, und Tradition bedeutet in diesem Zusammenhang „zuerst wir und dann die anderen“. Die-se Parallelgesellschaften manifestieren sich auf den verschiedensten Ebenen in Österreich: Politisch/ökonomisch wissen wir ganz genau, dass bestimmte Projekte, Vereine u.v.m. nicht aufgrund der Kompetenzen, die diese aufweisen, sondern aufgrund der Partei- oder Institutionszugehörigkeiten gefördert werden.“

Simon Inou (Journalist)

„Die Frage, ob es in Österreich – bereits heute – Parallelgesellschaften gibt, wird derzeit breit diskutiert. Ich sehe noch keine komplett abgeschotteten Parallelgesellschaften in Österreich, orte jedoch Tendenzen in diese Richtung. Wir müssen hier als Gesellschaft gemeinsam rasch und entschlossen gegensteuern. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist hier im Bereich der Bildung zu sehen. Bildung ist der Schlüssel für die großen Herausforderungen unserer Zeit. Deshalb halten wir es für verantwortungslos, dass die aktuelle Regierung im Bereich Bildung wie auch im Arbeitsmarktbereich die Mittel für Integration kürzt. Damit werden für viele Menschen ganz konkrete Chancen vernichtet. Wir NEOS wollen nicht die Probleme groß machen, sondern die Lösungen. Unsere Vorschläge liegen auf dem Tisch – von einer Integrationsstiftung im Bildungsbereich über einen Sozialindex für Schulen und Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration bis hin zu einem gemeinsamen Ethik- und Religionsunterreicht. Wir müssen das Miteinander fördern. Weder Wegschauen noch populistisches Hetzen sind akzeptabel. Beides ist brandgefährlich. Wir müssen nüchtern, ernsthaft und klar in der Analyse sein sowie entschlossen in maßgeschneiderten Gegenstrategien.“

Dr. Matthias Strolz (ehemaliger Vorsitzender & Klubobmann, NEOS)

„Wer zu uns kommt, muss, unabhängig von seiner Herkunft, Deutsch lernen, arbeiten wollen, unsere Demokratie und unser Wertesystem akzeptieren und bereit sein, ein aktives Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Das sind die Voraussetzungen für eine gelungene Integration. Für die Zukunft unserer Republik ist entscheidend, dass wir gemeinsam diese Mammutaufgabe Integration meistern, denn es geht darum, dass aus dem vielfachen Nebeneinander oder gar Gegeneinander ein Miteinander wird.“

Hermann Schützenhöfer (Landeshauptmann der Steiermark)

„Unsere Aufgabe ist es, alles zu tun, um Parallelstrukturen bzw. -gesellschaften gar nicht aufkeimen zu lassen. Eine gelungene Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen ist wesentlich von der interkulturellen Kompetenz geprägt, erfordert aber auch eine Reihe ordnungspolitischer Maßnahmen. In Oberösterreich gehen wir einen sehr klaren Weg: Wir bieten sehr viel – wir verlangen aber auch etwas dafür, nämlich das Einhalten von Regeln, das Erlernen der Sprache, die Bereitschaft zur Integration.“

Mag. Thomas Stelzer (Landeshauptmann von Oberösterreich)

„Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft. Diese Vielfalt wird heute von vielen als fordernd, von manchen gar als überfordernd und beunruhigend empfunden. Der Begriff der Parallelgesellschaft ist im politischen Diskurs zu einem Kampfbegriff geworden. Die Frage sollte aber nicht lauten: Trachtenjanker oder Kopftuch? Lederhose oder Kippa? Gelungene Gesellschaft bedeutet für mich, die Einzigartigkeit im Verschiedensein anzuerkennen. Also nicht Monokultur, sondern gesellschaftliche Vielfalt. Es geht um wechselseitigen Respekt und darum, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. Dialog anstelle von Kampfbegriffen, denn Liebe ist größer als Hass.“

Klaus Schwertner (Geschäftsführer der Caritas der Erzdiözese Wien)

 

Bericht: Katharina Brändle

Fotos: Shutterstock, Büro Landeshauptmann, Blickfang_0125, Lukas Ilgner, BMASGK/Zinner, Liste Pilz, NEOS, Erwin Scheriau, Joachim Haslinger, Laurent Ziegler, Privat

Dieser Artikel stammt aus der Jahrespublikation „Integration“, (07.05.2018): Die ganze Publikation finden Sie hier: http://www.integrationswoche.at/integration2018.pdf