18
Mai

Wiener Integrationsstadtrat Czernohorszky: „Eine Diskussion um ein Kopftuchverbot ist zu wenig“

Jürgen Czernohorszky, Wiener Stadtrat für Bildung, Integration, Jugend und Personal, im Gespräch mit Dino Schosche über Populismus, Deutschklassen und Herausforderungen in der Integrationsarbeit. 

INTEGRATION: Wien sagt Nein zu Deutschklassen. Was bedeutet das konkret und welche Alternativen beziehungsweise neue Vorschläge haben Sie? CZERNOHORSZKY: Wir sagen deshalb Nein zu Deutschklassen, weil das, was hier vom Bund vorgelegt wird, ein Modell ist, das aus unserer Sicht operativ undurchführbar ist. Man kann es einfach nicht organisieren, ohne zaubern zu können, weil wir bis zu 130 Klassenräume mehr bräuchten, damit das überhaupt möglich ist. Es ist deshalb undurchführbar, weil es die bestehende Deutschförderung schlechter macht. Derzeit wird Deutsch in Kleingruppen zusätzlich gefördert, das könnte man natürlich weiter verstärken und mit mehr Ressourcen ausstatten. Und das möchten wir auch. Nach dem Regierungsmodell sollen bis zu 25 Kinder mit einer Lehrperson in einer Klasse sitzen, das macht es schlechter. Es ist auch deshalb undurchführbar, weil es real nicht nur wenige Kinder, sondern im Grunde alle Wiener Kinder betrifft. Weil es jedes Jahr und nicht nur einmal, sondern auch im Semester, Klassen zerreißen wird.

INTEGRATION: Aber ein ehemaliger Uni-Vizerektor sagt: „Wir schaffen das.“ CZERNOHORSZKY: Ja, der ehemalige Vizerektor hat aber noch vor Kurzem gesagt, dass es ein schlechtes Modell sei. So wie das auch alle Expertinnen und Experten sagen. Es ist ja nicht von ungefähr so, dass es in der Begutachtung dieses Vorschlages nahezu ausschließlich negative Stellungnahmen gibt. Ich würde mir wünschen, dass der Minister das macht, was er auch angekündigt hat. Dass er wie ein Wissenschaftler redlich und auf Basis von Erkenntnissen vorgeht. Das würde bedeuten, dass man das Modell, das wir jetzt haben, evaluiert. Man schaut sich an, was man gemeinsam besser machen kann. Das Ziel muss ja sein, dass wir die Deutschförderung verbessern und nicht Bestehendes zerstören.

INTEGRATION: Inwieweit kann man den Eltern die Schuld geben, dass sie ihr Kind nicht gut genug für die Schule vorbereiten? CZERNOHORSZKY: Im Grunde bringt es nie etwas, nach Schuldigen zu suchen. Wir sollten gemeinsam die Frage stellen, was jeder Bildungspartner eines Kindes besser machen kann. Das sind natürlich Eltern zuallererst, aber auch andere Bildungspartnerinnen und Bildungspartner, Kindergärten und Schulen. Niemand sagt, dass das Modell, so wie wir es jetzt haben, der Weisheit letzter Schluss ist. Das Modell sieht Förderungen in Kleingruppen parallel zum Unterricht vor. Das ist gut und das ist auch das, was alle Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler sagen, dass es so gemacht gehört. Aber wir wissen auch, dass gerade Schulen, die besonders hohe Herausforderungen haben, in diesem Land nicht genug Ressourcen bekommen. Weil bei den Ressourcen im Bildungsbereich das Prinzip Gießkanne gilt und nicht die Frage im Zentrum steht, wo sind die Herausforderungen größer, damit man dort auch mehr Ressourcen hineingeben kann. Daher wäre mein Appell: Wir brauchen deutlich mehr Ressourcen, um die Deutschförderkurse ausbauen zu können. Wir brauchen mehr Möglichkeiten, am Schulstandort autonom zu bestimmen, was die beste Organisationsform ist. Wenn das gegeben ist, dann bin ich überzeugt, dass man mit dem Willen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, einiges besser machen kann.

INTEGRATION: Ich nehme an, die meisten Kinder, die in die Schule kommen, sind hier schon geboren. Könnte man nicht die früher erreichen – oder zumindest deren Eltern?CZERNOHORSZKY: Die Antwort ist einfach – man kann gar nicht früh genug beginnen.

INTEGRATION: Zum Lieblingsthema der ÖsterreicherInnen: dem Kopftuch. Sie sagen, dass ein Kopftuchverbot zu wenig sei. Heißt das, dass Sie für ein Kopftuchverbot in der Schule sind, aber auch weitere Maßnahmen verlangen? CZERNOHORSZKY: Prinzipiell bin ich immer der Meinung, dass es mehr interessieren sollte, was im Kopf ist und nicht am Kopf. Ich möchte aber gar nicht verhehlen, dass ich immer gesagt habe, dass ich nicht nur Unbehagen empfinde, sondern es ablehne, wenn Mädchen im Kindergarten- oder im Volksschulalter ein Kopftuch tragen müssen. Deshalb hat die Stadt Wien da in der Vergangenheit auch sehr viel gemacht, in Zusammenarbeit mit Pädagoginnen und Pädagogen und auch mit der Kinder- und Jugendhilfe. Ich finde, bei einer Fallzahl von hundert Kindern oder weniger, ist es immer besser, einfach vor Ort mit den Eltern zu reden. Ich bin der Überzeugung, dass ein Verbot hier nichts besser macht. Was diese Diskussion um das Verbot ermög-licht, ist es, der Bundesregierung die Chance zu geben, von wirklichen Problemen abzulenken. Eine Diskussion um ein Kopftuchverbot ist zu wenig. Denn wenn man Integration wirklich verbessern möchte, braucht es ganz andere Dinge. Dann braucht es die Mittel für die Schule, für die Integrationsförderung, dann braucht es mehr Sprachförderung, dann braucht es dringend das zweite verpflich-tende Kindergartenjahr, um genau das zu machen, worüber wir vorher gesprochen haben, dass Kinder schon deutlich früher gefördert werden. Es braucht mehr Ganztagsschulen und nicht so wie jetzt eine Verzögerung beim Ausbau. Wenn diese Dinge dann endlich alle kommen und man dieser Bundesregierung ehrlich abnehmen könnte, dass sie wirklich die Integration verbessern will, dass sie die Lage von auch nur einem Kind in dieser Republik verbessern will, anstatt – so wie jetzt – auf dem Rücken der Kinder neue Probleme zu machen, dann bin ich bereit, über alles zu reden. So empfinde ich es schlicht und einfach als Nebelgranate.

INTEGRATION: Sebastian Kurz sprach noch vor einigen Jahren über eine Willkommenspolitik. Jetzt spricht er über Verbote und Strafen. Was ist in der Zwischenzeit mit ihm passiert? Wurde er von MigrantInnen enttäuscht? CZERNOHORSZKY: Auf jeden Fall enttäuscht er MigrantInnen. Es ist wirklich eine besondere Entwicklung eines Menschen, der sich anfangs für mehr Integration, für mehr Engagement in diesem Bereich und integrationspolitische Diskurse eingesetzt hat und jetzt genau das Gegenteil tut. Man kommt nicht umhin, zu erkennen, dass er das aus einem anderen Kalkül macht als dem, Integration zu fördern. Das Kalkül ist, als Rechtspopulist Wahlen zu gewinnen.

INTEGRATION: Sie sind Stadtrat für Bildung, Integration, Jugend und Personal. Wann werden die Themen Integration und Personal vermischt? CZERNOHORSZKY: Die Themen Integration und Personal sind seit vielen Jahren vermischt. Es ist eher so, dass Wien als Bundesland und auch als Stadt eine Vorreiterrolle hat, weil wir uns überlegen, inwieweit das Personal, das wir in der Stadt haben, auch der Vielfalt dieser Stadt entspricht. Wir haben seit zehn Jahren daher auch einen Integrations- und Diversitätsmonitor. Der Diversitätsmonitor ist genau das Werkzeug, mit dem wir schauen, ob das Wissen über die Zielgruppe unserer Dienstleistungen und die Strategien der einzelnen Magistratsabteilungen auch der Diversität der Stadt entsprechen – mit dem Ziel, diese zu erhöhen.

INTEGRATION: Sie sagen, Sie hätten einen Diversitäts- und Integrationsmonitor, um zu schauen. Okay, Schauen ist eine Seite. Aber welche konkreten Maßnahmen gibt es, um die Zahl der Beschäftigten mit Migrationshintergrund tatsächlich zu erhöhen? CZERNOHORSZKY: Diese Analyse ist nur ein Teil des Diversitätsmanagements. Ein springender Punkt ist, dass wir das auf Basis eines freiwilligen Commitments gemacht haben. Es ist keine Verordnung für die jeweiligen Magistratsabteilungen. Das mag vielleicht ein bisschen ein längerer Weg gewesen sein, der aber dazu geführt hat, dass heute nahezu jede Magistratsabteilung diesen Weg geht und sich selber die Frage stellt, wie sie das Diversitätsmanagement in ihre Abteilung bringen kann. Das ist deshalb so spannend, weil es je nach Aufgabengebiet eine ganz unterschiedliche Fragestellung ist. Zum Diversitätsmanagement gehört zum Beispiel das Wissen über die Menschen, für die ich arbeite. Es ist nicht nur das Wissen über mein eigenes Team und die Diversität des eigenen Teams, sondern das Wissen über die Diversität der Zielgruppe. Wenn ich glaube, ich mache ein Angebot der Stadt ausschließlich für 50-jährige, weiße Männer, dann arbeite ich auch danach. Wenn mir aber bewusst ist, dass die Zielgruppe, für die wir arbeiten, eine ist, die so vielfältig ist wie die Stadt als Ganzes, dann wird auch die Arbeit verändert und kann die Strategie verändert werden. Dadurch kann auch bei der nächsten freien Stelle, beim nächsten Team, das man zusammenstellt, genauer darauf Bezug genommen werden. Das ist ein Prozess, den wir derzeit wirklich in nahezu allen Dienststellen führen, und das mit großen Erfolgen.

INTEGRATION: Ich habe ein bisschen recherchiert. Es gibt nämlich in Deutschland und auch in Österreich so etwas wie einen Integrationsbericht. Im deutschen kommt das Wort „Teilhabe“ 589-mal vor, im österreichischen nur 5-mal und immer verknüpft mit dem Thema Arbeitsmarkt. Sind wir die eigentlichen Realitätsverweigerer oder ist Angela Merkel zu links?CZERNOHORSZKY: Jedenfalls ist Teilhabe der springende Punkt. Weil wir angesichts der Integrationspolitik der vergangenen 50 Jahre in Österreich zuerst einmal eines sehen können: Jeder, der sagt, dass viele Fehler gemacht wurden, hat völlig recht. Nur was sind die Fehler, die gemacht wurden? Die Fehler, die gemacht wurden, sind, dass wir über viele Jahrzehnte, ich spreche jetzt von den ersten Gastarbeiterwellen, nichts gemacht haben, damit die Menschen, die zu uns kommen, so schnell wie möglich teilhaben können. Auch nichts gemacht haben, damit sie so schnell wie möglich einen Zugang zur Bildung, zum Arbeitsmarkt bekommen und so mitspielen können bei dem Spiel, das Gesellschaft heißt. Genau das sind die Folgen der Fehler, unter denen wir bis heute leiden können.

INTEGRATION: Aber die GastarbeiterInnen dachten ja auch, dass sie bald
wieder gehen würden. Die haben auch wenig unternommen … CZERNOHORSZKY: Ja, die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass das nicht passiert ist. Es hat jetzt auch keinen Sinn, irgendeinem Handelnden aus den 1960er- bis 1980er-Jahren posthum die Schuld zuzusprechen für die Schwierigkeiten, die wir heute haben. Was wir aber machen können: Wir können es besser machen.

INTEGRATION: Ihre Parteikollegin Mireille Ngosso ist die erste Vize-Bezirkschefin mit afrikanischen Wurzeln in Wien. Der Tenor auf Krone.at – Zitate: „Super Wahlhelferin für Türkis-Blau“, „Gute Idee, um noch tiefer zu sinken“, „Die Roten überholen sich selbst bei der Demontage ihrer eigenen Partei“, „Neuwahlen sofort“. Ist unsere Gesellschaft überhaupt bereit für eine weltoffene Stadt? Beziehungsweise kann man in Österreich überhaupt sagen: Yes we can? CZERNOHORSZKY: Man kann und man muss. Die Tatsache, dass Mireille Ngosso oder andere diese verantwortungsvollen Positionen in der Stadt haben, ist ein Beweis dafür, dass es geht. Ich freue mich sehr über die neue Bezirksvorsteher-Stellvertreterin. Sie ist eine großartige Politikerin und ich wünsche ihr alles Gute.

INTEGRATION: Ich habe Sie im vergangenen Jahr gefragt, ob Sie exklusiv verraten können, wer der nächste Bürgermeister wird, und Sie haben geantwortet: Michael Häupl. Ich glaube, Sie haben sich bei dem Nachnamen getäuscht (lacht). CZERNOHORSZKY: Ganz offensichtlich, aber das ist eine Frage des Zeitablaufes (lacht). Weil so, wie wir heute hier zusammensitzen, heißt der Bürgermeister ja noch immer Michael Häupl. Aber der Nachname wird vermutlich ein anderer sein, wenn das Interview erscheint.

 

Interview: Dino Schosche

Foto: Michael Mazohl

Dieser Artikel stammt aus der Jahrespublikation „Integration“, (07.05.2018): Die ganze Publikation finden Sie hier: http://www.integrationswoche.at/integration2018.pdf